Der Familienhund – die schwierigste Form der Erziehung

Es gibt Blindenführhunde, Schutzhunde, Spürhunde, Familienhunde, Behindertenbegleithunde, Herdenschutzhunde, Hütehunde und viele weitere Spezialisierungen. Unter all diesen wichtigen Aufgaben sticht eine ganz besonders hervor. Genau genommen ist diese Aufgabe nicht einmal eine Ausbildung, sondern viel eher eine Erziehung: die Erziehung zum Familienhund.

Was macht denn aber nun den Unterschied aus und warum ist das die schwierigste Aufgabe für einen Hund und für den Menschen.

Familienhund

Der Hund in Harmonie mit seinem menschlichen Begleiter

Von frühester Kindheit an werden wir Menschen von unserer Familie und unserem (näherem) Umfeld erzogen, um uns auf ein Leben in Gesellschaft vorzubereiten. Dabei prägen uns Eltern, Verwandte, Lehrer, Freunde aber auch Feinde in unter-schiedlichem Maße und beeinflussen so unser (späteres gesellschaftliches) Verhalten. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Erziehung von Hunden: je nach späterer Spezialisierung mehr oder weniger intensiv. Kein Hund muss jedoch so intensiv erzogen werden wie der Familienhund.

Der Familienhund nämlich soll zu einem Hund erzogen werden, der auch dem ärgsten Hundehasser keinen berechtigten Anlass zur Kritik gibt, der in der Lage ist, das Leben als Hund unter Menschen souverän zu meistern, der zuverlässigen Gehorsam präsentiert, seine natürlichen Bedürfnisse lernt zu unterdrücken (Jagen, Fortpflanzen, alles fressen…) und trotzdem ausgeglichen im Leben steht. Diese Eigenschaften/Aufgaben stellen sich als gigantische Herausforderungen für den Eigentümer des Hundes dar, auf die es gilt, vorbereitet zu sein. Doch wie genau kann dies gelingen?

Entsprechend ihrer Spezialisierung auf eine bestimmte Aufgabe werden Hunde aufgrund ihrer physischen und psychischen Eigenschaften ausgewählt. So wird kein Dackel je einen blinden Menschen führen, genau so wenig wie ein zu temperamentvoller Labrador. Kein Beagle wird der Polizei als Schutzhund dienen, genauso wenig wie ein sehr ruhiger und ausgeglichener Schäferhund, der an einer Rundumverteidigung kein Interesse zeigt. Und auch ein Mops wird niemals einem Schäfer bei der Arbeit helfen, genau so wenig wie ein Border, der sich als ängstlich und konzentrationsschwach präsentiert. Damit wird deutlich, dass ein Hund nur dann eine spezielle Aufgabe übertragen bekommt und erfüllen kann, wenn er die entsprechende charakterliche und körperliche Eignung hierfür aufweist. Dabei erfordert eine spezialisierte Ausbildung von Hunden professionelle Trainer: die Hundeschule für Blindenführhunde, die Diensthundeausbilder der Polizei und der geschulte Schäfer. Und wie sieht es nun bei den Familienhunden aus? Welche Kriterien spielen da eine wesentliche Rolle? Wie sieht es mit all den Rassen aus, die von Züchtern, Medien und Buchautoren als mehr oder weniger ideale Familienhunde angepriesen werden? Alle Hunde, die eine wesensgerechte Ausbildung erhalten, können ihre Anlagen, also ihre Bedürfnisse ausleben. Orientiert man sich z.B. an der Rassebeschreibung des VdH, ist der Beagle ein Hund, dessen vornehmliche Bestimmung die Hasenjagt ist. Hierbei erweist er sich als zielstrebig, unerschrocken, zäh und äußerst lebhaft. Er ist ein Jagdhund und wird, wenn er die Möglichkeit dazu hat, dieser Passion nachgehen. Und doch soll er ein geeigneter Familienhund sein?

Solche Rassebeschreibungen über die verschiedensten Hunderassen lassen sich fast unendlich fortführen, jedoch sollte dabei nicht vergessen werden, dass je-der Bürger Hunde züchten und mit ihnen handeln darf. Aufgrund marktwirtschaftlicher Interessen (oder reinen Profitgewinns) werden dabei nicht selten unterschiedliche Typen (und Mischlingshunde) z.T. laienhaft miteinander verpaart, sodass die Ausprägung spezieller und ausdrücklich erwünschter Rassemerkmale schwindet. Der VdH, als Dachverband der Hundezucht, ist und war sich seiner Verantwortung und seinem Einfluss auf Zuchtauswahl und Rassestandard vermutlich nicht bewusst und scheint da-mit das pro-fitorientierte Auswuchern der Rassezucht zu begünstigen. Gelten also bestimmte Rassen im Allgemeinen als ideale Familienhunde, kann dennoch nichts über den Rassehund im Einzelnen ausgesagt werden. Aus diesen Gründen muss ein Welpe mit einer grundsätzlichen Eignung zum Blindenführhund (was dann auch die geeignetsten Familienhunde wären), ausgiebig und gewissenhaft unter den Labradorzüchtern gesucht werden, wobei man sich bestimmter Welpentests bedient. Allerdings züchten Blindenführhundeschulen und auch Schäfer seit geraumer Zeit vorzugshalber ihren eigenen Nachwuchs. Im Bereich des Familienhundes ist das etwas anders. Hier entscheiden sehr selten Kriterien, wie getestete Anlagen und zu erwartende (weil ererbte) Charaktere, sodass ein erwählter Welpe – unabhängig seiner Eignung – ein Familienhund werden soll. Wie sieht es aber im Vergleich dazu mit dem Hundebesitzer aus? Passt seine Persönlichkeit zu diesem Typ Hund? Ist also die Freundin oder Ehefrau (nicht der Freund oder Ehemann) in der Lage, dieses kleine Wesen zu einem alltagstauglichen und stressfreien Hund zu erziehen? Dieser Prozess kann – anlage- und wesensbedingt – Monate bis Jahre andauern, wobei es das Ziel ist, den Hund bei jeder Gelegenheit tatsächlich frei laufen lassen zu können. Organisierte Freiläufe, wie Hundewiese, gut einsehbarer Feldweg etc. stellen sicherlich eine Möglichkeit dar – jedoch eignen sie sich für mich nicht als alltagstaugliche Lösung, da ich mein Leben mit meinem Hund keinesfalls von solchen Gelegenheiten abhängig machen möchte. Um dieses Ziel der Hundeerziehung erreichen zu können, erfordert es eine gefestigte Hund-Mensch-Beziehung. Doch wie ist diese bei dem zuvor erwähnten Beagle mit zur Jagd bestimmter Veranlagung umzusetzen? Wie kann ich den leidenschaftlichen Jäger“ zu einem harmonischen Familienhund erziehen? Diese recht schwierige Aufgabe bedarf ein hohes Maß an Respekt und Vertrauen, das es sowohl für den Hundebesitzer als auch für die Hundebesitzerin zu erarbeiten gilt. Für Frauen erweist sich dies jedoch weit schwieriger, was keinesfalls auf ihre Bereitschaft zurückzuführen ist. Vielmehr spielen olfaktorische, visuelle, phonetische und motorische Besonderheiten der Frau eine Rolle, die der Hund unterscheidet. Aus diesem Grund sollte stets überlegt werden, wer den Maßstab, also den „roten Faden“ bei der Erziehung für den Hund legt und ob es sinnvoll ist, dass sich vorrangig der Mann mit all seinen „Erziehungsvorteilen“ dieser Aufgabe annimmt.