Rudelstellungen

Der richtige Umgang mit den Erkenntnissen aus dem Bereich des  Rudelstellen* kann einen herausragenden Einfluss auf das Zusammenleben von Hund und Mensch haben

Als Hundehalter/in stellt man sich oft die Frage, warum der eigene Hund im Lernen nicht voran kommt, sich „stur“ stellt und/oder aggressiv handelt. Warum er unangemessen devot reagiert, situativ innerlich unruhig ist, kaum zur Ruhe kommt, u.s.w.

Diese Verhaltensmuster fallen jedoch nicht nur im alltäglichen miteinander auf, sondern auch in der Erziehung (sogenannte „Grunderziehung“). Sehr oft kann es auch innerhalb einer speziellen Ausbildung, z.B. zum Schutzhund, zu unerwünschten und mitunter gefährlichen Aktionen oder Reaktionen kommen.

Eine der grundlegendsten Antworten auf diese Probleme, kann in der Theorie rund um das „Rudelstellen“ liegen. Demnach soll jeder Hund geboren werden, um später einen ganz bestimmten Platz in einem Rudel einzunehmen.

Nun werden die meisten Hunde zwar nicht mehr in ein innerartliches Rudel integriert, den Anspruch auf seinen Platz im Rudel soll der Hund wohl doch erheben. Bekommt der Hund diese Möglichkeit nicht, kann sein Verhalten auffällig werden.

Hier allerdings stehen sich zwei sehr verhärtete Fronten, nämlich die der Stellungsbefürworter und die der Stellungsgegner gegenüber.

Wie bereits erwähnt, ist das Wissen um das vererbte Rudelstellen unter den Hundehaltern und Fachleuten nicht unumstritten. Mir ist aber derzeit kein namhafter Hundefachmann bekannt, der seine ablehnende Haltung anhand von praxisorientierten Fakten in einem direkten Dialog zwischen fachkompetenten Kritikern und Frau Erthel, als wohl einzige Schülerin bei Karl Werner, dem Begründer des Rudelstellen´s, untermauern kann. Das heißt, kein Kritiker hat meines Wissens nach bisher im direkten Dialog mit Frau Erthel gestanden und da auch tatsächliche Studien betrieben. Auffallend ist auch, dass sich viele der Kritiker des Rudelstellens auf das Fehlen von wissenschaftlichen Fakten berufen. Vergessen scheint, dass Beobachtungen erst zu wissenschaftlichen Erkenntnissen führen, wenn man bereit ist, sie zu erforschen… Auffallend aber ist auch, dass leider viele Befürworter des Rudelstellens in Folge mehr Schaden an Hunden und Menschen anrichten, als sie den gewonnenen Erkenntnissen im Interesse der Hunde nützen.

Günther Bloch, bekannt durch seine Tätigkeiten als Verhaltensforscher, lehnt das Rudelstellen vehement ab und begründet seine Einstellung mit seinem Wissen um Stammesgeschichte und Ethologie, sowie jahrzehntelanger Freilandforschung an Kaniden. Weiterhin begründet er seine ablehnende Haltung durch das Sichten und Auswerten von Videos, durch Gespräche mit Seminarteilnehmern und nun auch (laut Mail an mich) durch eins oder zwei Hospitationen bei Seminaren von Stellungsbefürwortern/innen.

Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie ausgerechnet ein Verhaltensforscher beobachtbares Verhalten an Hunden als nicht existent ablehnt, nur weil ihm wissenschaftliche, stammesgeschichtliche und / oder ethologische Beweise fehlen. Hier möchte ich anmerken, dass die Ethologie (also die Verhaltensforschung) ein Fachgebiet ist, welches Verhalten normalerweise erst einmal erforscht…

Barbara Erthel als eine Schlüsselfigur, wenn nicht sogar die Schlüsselfigur, ist zu Gesprächen mit Kritikern oder zu Stellungsnahmen in Bezug auf viele offene Fragen offensichtlich nicht bereit. Dadurch wird ein konstruktives Miteinander leider unmöglich gemacht. Hinzu kommt, dass so manches Ergebnis eines Rudelstellens sich durch die dann von Frau Erthel gemachten Empfehlungen, für die jeweils betroffenen Hunde, als sehr nachteilig auswirken können.

Sehr bedauerlich ist hier, dass Frau Erthel eine Weiterentwicklung oder gar ein dringendes Umdenken in Bezug auf verschiedene Prozesse im Rudelstellen, scheinbar ablehnt.  Auch geben die von Frau Erthel bekanntgemachten Theorien um das Rudelstellen leider sehr viele Fragen auf. Und genau diese Theorien scheinen der eigentliche Streitpunkt zwischen Befürworter und Gegner zu sein. Auch geschehen neben den wertvollen Erfahrungen die durch das Rudelstellen gewonnen werden Konsequenzen, mit denen wir als Team einer Hundeschule aus ethischen Gründen nicht mitgehen können.

Thomas Baumann kritisiert das Rudelstellen in einem im März 2014 veröffentlichten Artikel. http://www.dogworld.de/dogworld/index.asp?art_param=192

Als eine Befürworterin des Rudelstellens kann Maja Nowak genannt werden, die sich in von Frau Erthel geführten Seminaren umfassend mit der Thematik beschäftigt hat. Maja Nowak hat diese Philosophie für sich zwischenzeitlich konkretisiert. http://www.maike-maja-nowak.de/#!resuemee/c1693 

Bedauerlicherweise scheinen viele Befürworter und viele Gegner des Rudelstellens, den eigentlichen Wert dieser Handlungsabläufe tatsächlich innerlich noch nicht aufgenommen zu haben.

Unstrittig für mich ist allerdings, dass es beim Rudestellen sich wiederholende innerartliche Prozesse gibt, deren gesunde Umsetzung der Erkenntnisse dann im Zusammenleben von Hund und Mensch zu einer wesentlich besseren Lebensqualität führen  können.

Wir nutzen in unserem Hundetrainingszentrum die Möglichkeit, die Hunde unserer Kunden intensiv zu beobachten und zu testen. Können wir den Stellungstypen erkennen, verwenden wir das Wissen um einen optimal auf Hund und Mensch abgestimmten Arbeitsplan zu erstellen. Das Ergebnis kann dann ein Hund im inneren Gleichgewicht und mit einer jeweils größtmöglichen Zuverlässigkeit sein.

Harmonie ist ein Bedürfnis von Mensch und Hund und jeder Hundeliebhaber hat die Möglichkeit zu schauen, ob er die Grundbedürfnisse seines Hundes erkennen und wenn möglich (vielleicht auch nur kontrolliert) zulassen und begleiten kann. Eine Möglichkeit kann das Eruieren des Stellungstypen sein.

Vielen Dank denen, die mich um eine Konkretisierung meiner Ansichten in Bezug auf das „Rudelstellen“ baten.

Ihr Jens Anders

 

*nach Karl Werner  (www.rudelstellungen.eu)

17 Kommentare
  1. Jens Anders sagte:

    Hallo Frau Loreck,

    vielen Dank für Ihre Frage.

    Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es kaum noch stellungsstarke (also eindeutig zuzuordnende) Hunde gibt.

    Über die Ursachen hab ich in meinem Bericht über die Rudelstellungen berichtet. Umso schwieriger gestaltet sich heutzutage das Erkennen des Stellungstypen. Die Hunde zeigen sich stellungsschwach, gehen in Ersatzstellungen und/oder sind durch ungünstige Zucht/ Haltung oder Ausbildung vom Stellungstyp schon nicht mehr eruierbar.

    Intensive Beobachtungen über einen längeren Zeitraum (auch mit Video), wenn nötig längeres raushalten aus Reizsituationen, dem Hund bestimmte Angebote machen und eventuell gezielte innerartliche Begegnungen provozieren sind unsere Möglichkeiten, die Hunde unserer Kunden einzuschätzen.

    Wir als Team nutzen unsere Ergebnisse dann ausschließlich um einen idealen Arbeitsplan für Hund und Mensch zu erstellen.

    Auf Grund der geschilderten Tatsachen ist es aber auch für uns nicht möglich, bei jedem Hund den Stellungstypen zu erkennen.

    Eine Selbstbewertung ohne professionelle Hilfe halte ich aus den benannten Gründen für sehr schwierig und riskant.

    Ihr Jens Anders

  2. Pablo Werders sagte:

    Eins im obigen Artikel stimmt nicht: Günther Bloch hat sich viele Rudelstellungen auf Video angesehen. Dadurch ist er zu dem Schluss gekommen, dass Rudelstellungen nur ein theoretisches Konstrukt sind und keine reale Grundlage haben. Das (lange) Interview mit ihm kann man auf rudelstellungen-klargestellt.de nachlesen. – Gruß, Pablo

  3. Jens Anders sagte:

    Hallo Pablo,

    vielen Dank für Ihre interessante Anmerkung.

    Wenn wir uns als Team konstruktiv mit Themen rund um den Hund auseinandersetzen wollen, dann sind wir stets bemüht, unser Wissen aus möglichst „erster Hand“ zu erhalten und uns in der Praxis auch direkt von dem was gesagt wurde, zu überzeugen. Nur dann erlauben wir uns, öffentlich eine eigene Meinung zu bilden. Unsere Blogthemen sind ein Beleg dafür.
    In meinem Kommentar zum Thema Rudelstellungen merkte ich an, dass Günther Bloch offensichtlich keinem qualifizierten Rudelstellen beigewohnt hat. (wie ja auch z.B. aus dem von Ihnen benannten Interview hervorgeht…)
    Gerade ein Ethologe weiß aber, dass Videoaufnahmen nur sehr begrenzt für eine objektive Auswertung, insbesondere wenn es um Gruppendynamik und reizauslösende Inhalte geht, genutzt werden können. Auch vermisse ich den direkten Dialog zwischen Günther Bloch und Barbara Ertel.
    Bloch steht als anerkannter Verhaltensforscher in der Öffentlichkeit und kritisiert etwas wovon er gehört und worüber er Videos gesehen hat.
    Hätte er ausschließlich über diesen Weg seine Studien in Bezug auf die Pizzahunde oder die Timberwölfe betrieben, würde ihn wohl heute niemand ernst nehmen.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute,
    Jens Anders

  4. Marion Lorenz sagte:

    Guten Abend,
    Sie merken an, Ihnen sei […] derzeit kein namhafter Hundefachmann bekannt, der seine ablehnende Haltung anhand von praxisorientierten Fakten untermauern kann.
    Wie sieht es denn aus, können Sie mit wissenschaftlichen Fakten untermauern, dass es die von Ihnen, Ertel & Co. angepriesene Rudelstellung gibt?
    Mfg.

  5. Jens Anders sagte:

    Sehr geehrte Frau Lorenz,

    auch wenn mich der Inhalt Ihrer Zeilen sehr verwundert, möchte ich mich doch für diese Mail bedanken.
    Gern möchte ich Ihnen aber auch begründen, warum ich aus Ihren Zeilen die eigentliche Motivation, sich an mich zu wenden, nicht herauslesen kann.

    Leider ist für mich der Zusammenhang zwischen meiner Einstellung in Bezug auf die Notwendigkeit von praxisorientierten Fakten als Grundlage einer Stellungnahme durch Fachkreise und Ihrer Frage, ob ich das Rudelstellen wissenschaftlich untermauern könne, nicht nachvollziehbar.
    Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?

    Noch verwunderter allerdings bin ich über Ihr scheinbar sehr starkes Interesse, das Rudelstellen durch ein (noch?) nicht vorhanden sein von wissenschaftlich fundierten Fakten
    als nicht existent rundweg abzulehnen.

    Im Bereich des Themas Rudelstellung gibt es deutliche und sich wiederholende Reiz- Reaktionsmuster, deren wissenschaftliche Begründung noch ausbleibt.
    Nun haben es sich Ethologen eigentlich zur Aufgabe gemacht, Verhalten an Tieren zu begründen und müssten sich dem zu Folge diesem Phänomen stellen, um es eventuell wissenschaftlich erklärbar zu machen.
    Stattdessen wird aber dieses Themengebiet als nicht wissenschaftlich belegt destruktiv kritisiert.

    Ist es denn Ihrer Meinung nach tatsächlich so, dass, was in der Tierwelt wissenschaftlich nicht belegt ist, auch nicht sein kann?

    Mit freundlichen Grüßen,
    Jens Anders

  6. Marion Lorenz sagte:

    Guten Abend Herr Anders,

    ich bin selbst Wissenschaftlerin und weiß, dass es eine kontinuierliche Weiterentwicklung gibt, dass sich unsere Studien immer auf unseren aktuellen Wissensstand beziehen und dass wir eben auch nur gemäß unseres Wissenstandes Untersuchungsmethoden entwickeln können. Allein deshalb schließe ich nichts von vornherein aus, stelle aber auch keine Behauptungen auf, deren Richtigkeit ich nicht belegen kann.

    Mich hat der Satz: „mir ist aber derzeit kein namhafter Hundefachmann bekannt, der seine ablehnende Haltung anhand von praxisorientierten Fakten untermauern kann.“ irritiert und ich halte ihn für logisch unstimmig.

    Etliche anerkannte Wissenschaftler, Hundefachleute usw. haben gerade anhand der von ihnen und anderen in jahrelangen Beobachtungen gemachten und dokumentierten Fakten ihre ablehnende Behauptung begründet. Herr Bloch hat sogar, entgegen Ihrer Behauptung, 2 Seminare persönlich begutachtet, was aber seine Einschätzung der vererbten Rudelstellung nicht änderte. Wie praxisorientiert muss man denn noch sein?

    Andererseits stellen Sie Rudelstellung als eine vorhandene Tatsache dar, ohne jedoch Ihrerseits mit gleichwertigen praxisorienterten Fakten aufzuwarten, die Sie von Bloch & Co. erwarten. Sie postulieren: „jeder Hund wird geboren, um später einen ganz bestimmten Platz in einem Rudel einzunehmen“, Dabei lassen Sie leider die Faktoren „Umwelt“ und „Sozialisation“, die dem aktuellen Stand der Wissenschaft nach einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von Verhalten usw. haben, völlig unberücksichtigt. Hier möchte ich einmal aus einem Artikel zitieren: „Gene bewirken keine psychischen Eigenschaften, sondern steuern nur die Entwicklung ihrer neurobiologischen Grundlagen.“

    In Ihrer Antwort an Pablo schreiben Sie, dass Sie den Dialog zwischen Ertel und Bloch vermissen. Frau Ertel hat es schlicht und ergreifend abgelehnt, mit Herrn Bloch zu sprechen.

    Zudem wurde eine Anfrage zur Teilnahme an einem der Workshops mit der Begründung (O-Ton!) abgelehnt: „Unsere Vorgaben einer Zustimmung für einen Besuch richten sich ausschließlich nach den Anstandsregeln unserer Zivilgesellschaft und an den fachlichen Ehrenkodex der genannten Berufsgruppe.
    Zu beiden Bereichen zählen wir Sie nicht.“
    Text von Anfrage und Ablehnung wurden von Frau Ertel öffentlich zugänglich gemacht.

    Positiv an Ihrer Seite finde ich, dass Sie Hund und Halter im Kontext und als Individuen betrachten, denn das sind sie unbestritten. Auch dass Sie kritische Stimmen wie meine zu Wort kommen lassen, ehrt Sie. Ich würde mir jedoch eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema wünschen und Rudelstellung als eine These sehen, die man nicht einfach nur als gegeben ansieht, sondern kritisch hinterfragt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Marion Lorenz

  7. Jens Anders sagte:

    Sehr geehrte Frau Lorenz,

    ich finde es sehr bedauerlich, dass das Thema Rudelstellen offensichtlich die Wogen sehr hoch schlagen lässt und Dialoge von einem aus meiner Sicht häufig aggressiven und etwas zynischen Unterton begleitet werden, was nun mal einen nicht gerade professionellen Eindruck hinterlässt. Das betrifft die „Gegner“ genauso wie die „Befürworter“ des Rudelstellens.
    Weder Frau Erthel und viele Vertreter ihrer Theorie, noch z.B. die Plattform „Rudelstellen-klargestellt“ oder der Verhaltensforscher Bloch sind scheinbar in der Lage, ein respektvoll sachliches Miteinander zu Menschen zu pflegen, die anderer Meinung sind. Statt dessen erweckt sich mir der Eindruck von einem Bedürfnis nach Selbstdarstellung um jeden Preis.
    Einen solchen zwischenmenschlichen Umgang lehne ich ab.

    Umso dankbarer bin ich für Ihre kritischen und konstruktiven Zeilen.

    Gern möchte ich nochmals Bezug auf den von mir geäußerten Satz nehmen.
    Frau Erthel stellt Aussagen in den Raum, welche Sie versucht wissenschaftlich und durch praktisch vorgeführte Handlungsabläufe zu hinterlegen.
    Verhaltensforscher und Hundefachleute greifen dieses Thema auf und beginnen zu widerlegen was sie aus Videos oder aus zweiter, dritter Hand erfahren. Es war meines Wissens nach kein Fachmann und keine Fachfrau (außer Frau Nowak) bei genau der Person, welche diese These ins Leben gerufen hat. Und das gilt es aus meiner Sicht zu bedenken.

    Ich bin davon Überzeugt, dass es auf Studien begründete Fakten gibt, deren Existenz gegen eine Akzeptanz der Theorien von Frau Erthel sprechen. Das bestimmt ja auch nicht zuletzt den Unterschied zwischen Befürworter und Gegner. Somit bleiben also von Wissenschaftlern und Hundefachleuten nachvollziehbare Fakten in Bezug auf sich im Rudelstellen wiederholendes intraspezifisches Verhalten aus, was allerdings die Tatsache der Existenz dieser Handlungsabläufe aus meiner Sicht nicht beeinflusst.

    In Bezug auf Günter Bloch möchte ich Sie bitten zu berücksichtigen, dass Herr Bloch selber über http://www.rudelstellen-klargestellt.de propagierte, sich sogar Videos zum Thema Rudelstellen angesehen zu haben.
    Des weiteren sprach er, laut Interwiev, mit Kollegen und Teilnehmern von Workshops… Auf diesen Artikel beziehe ich mich in meinen Aussagen.
    Wie ich vor einer Weile durch eine Mail von Herrn Bloch erfuhr, nahm er zwischenzeitlich an ein oder zwei Seminaren (das ging leider nicht eindeutig aus seiner Information hervor) teil. Allerdings liegt es mir fern, Herren Blochs weitere Aktivitäten ständig nach zu recherchieren.

    In meinem Block stelle ich in der Tat Rudelstellung als eine vorhandene Tatsache dar und begründe dies mit der ererbten Aufgabe eines Hundes.
    Auch wenn ich das Themengebiet „Vererbung und Einfluss von Umweltreizen“ äußerst wichtig und interessant finde, spricht es in dem Fall nicht unbedingt gegen die Theorie des Rudelstellen. Während des Schreibens fällt mir allerdings auf, dass Sie mich mit Ihren Zeilen in Bezug auf Begründung der Verhaltensmuster nachdenklich gestimmt haben. Weder ist es richtig eine aufgestellte Behauptung öffentlich vehement abzulehnen ohne überhaupt in einen Dialog mit demjenigen zu gehen, der diese Behauptung aufgestellt hat, noch ist es korrekt eine Behauptung vorschnell als gesetzmäßig anzusehen. Hier werde ich mich gern, auch im Block, korrigieren.

    Bedauerlicher Weise sind die Fronten in Bezug auf das Rudelstellen sehr verhärtet und ein gesundes Aufarbeiten vorhandenen Wissens beider Parteien, scheint kaum möglich. So geht leider für Praktiker und Theoretiker eine große Chance verloren.

    Es war eigentlich nicht meine Motivation, das Rudelstellen als solches zu einem Thema werden zu lassen. Vielmehr sehe mich mit meinem Team u.a. als eine Anlaufstelle für Menschen, die einen Hund mit unerwünschten Auffälligkeiten haben. Die Möglichkeit, den Stellungstypen eines solchen Hundes zu eruieren und den weiteren gemeinsamen Weg auf diese gemachte Erkenntnis aufzubauen, ist für uns eine enorme Bereicherung. Zu mehr sind wir in Bezug auf Rudelstellung aber auch nicht bereit. Hier fehlt uns zum einen das Wissen und zum anderen auch die Bereitschaft an unserer Philosophie und damit unseren ethischen Grundsätzen zu rütteln.

    Ich danke Ihnen für diesen Austausch.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Jens Anders

  8. clara sagte:

    sehr geehrter herr anders,

    ich finde ihren beitrag sehr sachlich geschrieben und schon allein dafür bedanke ich mich bei ihnen. eine ganze zeit schon befasse ich mich mit dem thema „rudelstellung“ auf einigen seiten musste ich leider feststellen, dass dort nicht sachlich geschrieben wird und ch kein stück weitergekommen bin. ich finde es spannend, dass sie das thema in ihre arbeit integriert haben. darf ich fragen, welche erfahrungen sie dadurch gemacht haben?

    lg

    clara

  9. Jens Anders sagte:

    Hallo Clara,

    vielen Dank für Ihr Feedback. Gern gebe ich es auch an meine Mitarbeiterinnen weiter.

    Das Thema „Rudelstellen“ ist für uns noch immer sehr präsent. Eine unserer ehemaligen Kunden (sie besitzt eine MB-Hündin) baut sich zur Zeit ein Rudel auf.
    Dadurch können wir miterleben, welche Prozesse durchlaufen werden müssen, um ein Rudel nach den Prinzipien des Rudelstellens zu formen. Viele Abläufe sind
    hoch interessant und machen, im positiven Sinne gemeint, tatsächlich sprachlos.

    Es gibt aber auch Handlungsabläufe welche scheinbar notwendig, für uns aber nach wie vor ethisch nicht zu vertreten sind.

    Bei unserer direkten Arbeit mit Hunden hilft uns unser Wissen um die Verhaltensmuster von Leit – und Bindehunden sehr. Zwar ist nicht oft eine eindeutige
    Zuordnung möglich, aber wenn es eruiert werden kann, dann können wir unser Wissen nutzen, um den Arbeitsweg für den Hund (und manchmal auch für den Halter)
    zu optimieren. Ich möchte aber auch bemerken, dass das Wissen um den Stellungstyp allein nicht ausreicht, um den Arbeitsweg festzulegen.

    Es ist schon noch so, dass im Leben unter Menschen auch bei einem MBH Selbst – und Fremdbestimmung klar geregelt werden muss.

    Eigentlich wie bei jedem Hund…

    Aus unserer Sicht haben Binde – und Leithunde eine unterschiedliche Bedürfnislage in Bezug auf intra – und interspezifischen Umgang. Das Wissen um diese
    Besonderheiten gibt uns die Möglichkeit, die Hunde so zu arbeiten (arbeiten zu lassen) dass das Thema Stress, als Indikator der jeweiligen Befindlichkeit
    des Hundes, direkt aufgegriffen werden kann. Dieser Indikator kann uns sehr schnell zeigen, ob wir mit unserer Arbeitsweise richtig liegen.
    Nicht selten ist dann eine spürbare innere Entspannung des Hundes zu erleben.

    In der Hoffnung dass ich Ihre Frage richtig verstanden und ausreichend beantwortet hab, wünsch ich Ihnen mit ihrem Hund noch ein harmonisches Miteinander.
    Sehr gern beantworte ich Ihnen natürlich auch weitere Fragen.

    Liebe Grüße,
    Jens Anders

  10. clara sagte:

    sehr geehrter herr anders,

    danke, für ihre antwort. sie haben mir schon eine sehr aufschlußreiche antwort gegeben und ich finde es auch interessant zu lesen, wie sie das in ihrem trainingsumfeld einbauen können. ich denke auch, dass das wissen eine bereicherung sein kann. ich bin immer auf der suche nach mehr als nur „sitz“ „platz“ und co. ich habe keine „probleme“ mit meinem hund. obwohl ich nicht von problemen spreche würde. eher bedüfnisse. mein hund war aber schon immer sehr eigen. ließ sich auch nie konditionieren und ich stellte mir immer die frage, wieso das so ist. ich sah andere hunde mit bällen spielen oder sie kamen, wenn sie gerufen worden sind, meiner tat das nicht. das machte mich stutzig. ich lese mich auch gerade in dem thema ein. ich bin auf viel negatives gestossen. ich bin wirklich froh, auch mal etwas postives zu lesen bwz. sachlich. noch eine frage, wenn ich darf: wie kommt das thema rudelstellung bei ihren klienten an? oft stosse ich auf unverständnis und ablehnung, wenn ich das thema zur sprache bringen. entweder ist es das oder es ist absolut unbekannt. was ich eigentlich schade finden, aber wie sie schon richtig angemerkt habe, die fronten sind total verhärtet. das finde ich sehr schade.

    liebe grüße

    clara

  11. Jens Anders sagte:

    Hallo Clara,

    vielen Dank für Ihre interessanten Zeilen.

    Mit der Konditionierung ist das so eine Sache. Als Hundehalter sollte man sich stets die Frage stellen, wieviel „Sitz, Platz, Fuß, u.s.w.“ muss wirklich sein.

    Das ist je nach „Typ“ Hund mitunter sehr unterschiedlich. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen sehr stressanfälligen und unsicheren Hund und Sie kommen mit diesem Hund in eine Stresssituation. Ihr Hund steht schon neben sich und kann seine Erregungsprozesse kaum kontrollieren. Und was machen Sie? Sie fordern zudem auch noch ein „Sitz“ ein. Wahnsinn, was der Hund nun leisten muss. Zudem ist auch das gesunde auseinandersetzen mit dem Reizauslöser nicht mehr möglich.

    Auf der anderen Seite gibt es aber auch Hunde, die in solchen Situationen eindeutig anfragen „sag mir bitte was ich jetzt tun soll“. Das sind aber nur zwei Möglichkeiten von reaktiven Verhaltensmustern.

    Unsere Arbeitsstunden gliedern sich stets in einen praktischen und einen inhaltlich theoretischen Teil. So können unsere Kunden sehr genau mit den unterschiedlichsten Philosophien vertraut gemacht werden. Jeder Kunde wird dabei mit seinem Hund ganz individuell in Praxis und Theorie begleitet. Das hat den positiven Effekt, dass der Kunde sich von dem theoretisch vermittelten Wissen unmittelbar im praktischen Bereich überzeugen kann.

    Rudelstellen als solches ist oft ein Thema bei Mehrhundehaltung. Menschen mit einem Hund hören meist aufmerksam zu und hoffen dann auf ein Erkennen des Stellungstypen. Sie sind positiv eingestellt wenn wir es analysieren können und selten enttäuscht, wenn wir passen müssen. Einen Arbeitsplan für das Team gibt es ja dennoch.

    Auch ist es aus unserer Sich oft nachvollzieh- und erklärbar, warum ein Hund den klaren Stellungstypen „nicht zu erkennen gibt“.

    Gern beantworte ich Ihnen Ihre Fragen.

    Liebe Grüße,
    Jens Anders

  12. clara sagte:

    sehr geehrter herr anders,

    ja, genau, mein hund hat viele hunde-freunde in seinem umfeld, die auf solche aufgaben wirklich warten. sei es den ball holen oder irgendetwas anderes. nur wie schon erwähnt, ist mein hund absolut anders. er läuft gerne in seiner umgebung alles ab, schnüffelt hier und da, guckt gerne, sehr gemütlich.. trifft ab und zu ein paar hundefreunde, aber auch da sehe ich oft unterschiede. bei der einen hündin wirkt er sehr oft, sehr nervös. das spielen ist sehr wild und häufig muss ich das unterbrechen, weil mein hund dann einfach nur noch gestresst wirkt. ich weiß, dass die „gegener“ das nicht hören wollen, denn die hunde spielen doch so schön, aber ich sehe dort unterschiede. ich möchte wirklich gern mehr über das thema erfahren, nur schrecken mich die vielen dinge auf der „gegner-seite“ sehr ab. aus dem grund habe ich mich auf die suche nach erfahrungen oder besser gesagt: „RS in der praxis“ gemacht. ich möchte einfach mehr über meinen hund erfahren. welche stellung könnte er haben? wie könnte ich das im alltag dann umsetzen?
    vielen dank für ihre antworten und ich finde es ganz toll, dass sie sich sehr sachlich dem thema genähert haben. das kann ich gar nicht oft genug sagen. ich finde es schlimm, wenn menschen ohne sinn und verstand, dinge schreiben, die einfach nur noch verletzend sind und mit der thematik nichts mehr zu tun haben. vielen dank dafür :)

    liebe grüße

    clara

  13. Franz sagte:

    Sehr geehrter Herr Anders,

    mein Hund ist jetzt 7 Monate alt, sehr ruhig und umsichtig. Wir haben klare Grenzen gesetzt, die er auch problemlos einhält ( z.B. nicht aufs Sofa ) In der Welpenspielstunde war er ein Draufgänger. Seit letzter Woche fängt er an, mich zu stellen und maßregeln. Ab welchem Alter sieht man die Rudelstellung ? Muss ich schon was beachten ?

    liebe Grüsse

    Franz

  14. Jens Anders sagte:

    Hallo und vielen Dank für Ihren Frage.
    Sie beschreiben die Ursache für das derzeitige Verhalten Ihres Hundes aus meiner Sicht schon in Ihrer Anfrage.
    Ich gehe ganz fest davon aus, dass nicht das Thema „Rudelstellen“ hier im Vordergrund stehen sollte, sondern die im
    „Welpenspiel“ gemachten Lernprozesse Ihres Hundes. Auch ist das Setzen von Grenzen zwar völlig richtig, sie sollten jedoch
    nicht symptomatisch sein. D.h., Ihr Hund hat vermutlich in einem als Welpenspiel deklariertes Hundetreffen gelernt,
    dass er sich als selbstbewusster Hund erfolgreich behaupten kann. Sollte ich mit dieser Vermutung richtig liegen, dann ist
    sein derzeitiges Verhalten nur folgerichtig. Ihr Hund hat sich im Hundetreff damals erfolgreich getestet und nun sind Sie dran.
    Altersentsprechende, hirnorganische Entwicklungsprozesse regen den Hund dazu an zu testen, ob er Ihnen oder Sie ihm folgen müssen.
    Ein Verbot auf das Sofa zu gehen, spielt da nur eine untergeordnete Rolle für Ihren Hund. Er zeigt Ihnen scheinbar gerade, wo SEINE
    Verbote liegen.
    Zusammenfassend möchte ich damit sagen, nicht der Stellungstyp Ihres Hundes kommt hier zum Tragen. Ursache für dieses Verhalten sind
    vermutlich u.a. falsches Welpenspiel und die daraus erfolgten Selbsterfahrungen. Hirnorganische Entwicklungsprozesse veranlassen Ihren Hund
    dazu auszutesten, wie Sie nun mit seiner „draufgängerischen“ Art umgehen. Er testet seinen Status aus, er testet wie weit er Grenzen verschieben kann.
    Grenzen welche er als „grenzwertig“ ansieht.
    Liebe Grüße,
    Jens Anders

  15. A.H. sagte:

    In den vergangenen Monaten hab ich sehr viel verstörendes über diese Rudelstellung gesehen und gelesen. Es grenzt an Tierquälerei wenn man die Verachtung sieht mit welcher Grausamkeit da Hunde behandelt werden. Wieso hat es die Erfinderin denn selbst nie geschafft ein solches Rudel aufzubauen? Weshalb mussten 11 Hunde sterben? Totgebissen oder eingeschläfert? Von den seelischen Grausamkeiten durch die Tauschbörse ganz zu schweigen. Und ist es nicht eigentlich Fremden untersagt Hunde einzuschätzen?

  16. Jens Anders sagte:

    Hallo A.H.
    Vielen Dank für Ihren Beitrag. Für die sehr lange Reaktionszeit bitte ich um Entschuldigung.
    In Bezug auf den Einfluss der Menschen, ist ein erzwungenes Rudelstellen durchaus sehr oft Tierschutzrelevant.
    Es grenzt oftmals nicht nur an Tierquälerei, es ist Tierquälerei in besonders verabscheuungswürdiger Art und Weise.
    Das Einschätzen der Tiere auf Ihre Anlagen hin, ist durch dritte nicht untersagt. Der Verein besteht auf eine Art
    Urheberrechte bezüglich der Begrifflichkeit. Und daran halten wir uns, wenn eine direkte Einschätzung notwendig sein sollte.

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.